Mittwoch, 12. Oktober 2016

Plötzlich Herbst

Gerade zweieinhalb Wochen ist es her, dass der Garten für Besucher geöffnet war und er hätte sich kaum besser präsentieren können. Herrlichstes Spätsommerwetter, die Astern und Gräser nahezu in Vollblüte, ein Meer aus Herbstkrokussen unter dem Apfelbaum. 
In nahezu jedem Gartenteil zeigten sich die Stauden ansehnlich und ließen sich von der Trockenheit der vergangenen Wochen kaum mehr etwas anmerken (einem kräftigen Gewitter in der Vorwoche sei Dank). Für einen kurzen Moment wirkte es geradezu inszeniert, als die Grünspechte durch den Garten sausten und das Eichhörnchen über den Besuchern durch die Bäume turnte.
Ich konnte mich selbst kaum sattsehen am Blüten- und Farbspektakel und so waren auch die 330 Gäste, die an diesem Wochenende den Garten besuchten, voll des Lobes. "Bei solch einem Garten kann man doch gar nicht mehr in Urlaub fahren!" hörte ich mehrfach. "Doch - in drei Tagen geht der Flieger." war meine nüchterne Antwort. 

Astern- und Gräserimpressionen

Herbstkrokusse - Crocus kotschyanus und speciosus

Aster 'Kylie'

Astern- und Gräserimpressionen

Aster 'Wineflower' vor Miscanthus 'Aldebaran'


Beinahe etwas wehmütig ging es dann tatsächlich in den Urlaub. Es blieb die nicht unbegründete Hoffnung, dass sich bei Rückkehr zu diesem herrlichen Blütenzauber auch die Herbstfärbung der Gehölze gesellen würde, immerhin zeigten Scheinkamelien (Stewartia), Schneebälle (Viburnum) und einige Hartriegel (Cornus) schon die ersten roten und gelben Farbtupfer.

Und dann sah es doch etwas anders aus. Aus dem Spätsommer war in nur wenig mehr als einer Woche tiefster Herbst geworden. Einstellige Temperaturen, trüber Himmel, Nieselregen – das Begrüßungswetter hätte kaum unfreundlicher ausfallen können, wenn man die vergangenen Tage unter kanarischer Sonne bei 31 Grad genießen durfte. Sofa-Wolldecken-dicke-Socken-Glühweinwetter würde so mancher wohl sagen. Dementsprechend präsentierte sich dann auch der Garten bei einem ersten Rundgang:
Vom Regen zu Boden gedrückte Astern, auseinandergefallene Gräserhorste, verklebte Blütenblätter, dazu ein Wetter, bei dem die letzten Herbstkrokusse sich weigerten, ihre Blütenkelche zu öffnen. Manche Gehölze beginnen mit dem Laubabwurf, noch bevor es überhaupt zu färben beginnt.
Es ist auch die Zeit, in der es bereits leiser wird. Die Zugvögel haben sich bereits aus dem Staub gemacht, das Summen der Bienen und Hummeln fehlt und der Regendunst verschluckt viele der verbliebenen Geräusche.

Ich bin zu dieser Jahreszeit hin und her gerissen, zwischen diesen stillen, andächtigen Gartenmomenten und der Gewissheit, dass wieder ein Gartenjahr ein Ende hat.

"Ein Ende? Ja und nein. Ja, weil der Moment, in dem ich die Tomaten und Paprika abernte, die Früchte zum Nachreifen ins Warme bringe und die Pflanzen durch den Häcksler jage und kompostiere, alle Jahre wieder scheußlich ist, weil Herbstblues und Ende und Verfall und ach. 
Nein, weil die ersten Schneeglöckchen treiben und die Hamamelis dicke Knospen haben und damit zeigen, dass es kein Ende gibt, sondern nur eine weitere Runde im ewigen Kreislauf. 
Und nein, weil dieses frostfreie, feuchtmilde Wetter perfekt ist, um neues anzugehen und zu graben und umzupflanzen und überhaupt. Ich red mir grad den Herbstblues schön."

Das war die Antwort einer Gartenfreundin auf meine vorstehende Aussage. Und du hast Recht, liebe Conni!

Durch die Herbstbrille sieht dann vieles auch schon anders aus. Da ist der Garten nicht mehr verregnet, sondern die Pflanzen mit Wassertropfen dekoriert. Und der Herbst wäre nicht der Herbst, hätte er nicht diese trüben Tage, an denen sich die Staudenpracht noch einmal zu verneigen scheint und der schwere Duft von Herbstlaub in der Luft liegt. 

Aster 'Artcurus' mit Pennisetum

Parrotia subaequalis mit Verbascum

Calamagrostis brachytricha 'Korea' mit Astern und Persicaria


Crocus speciosus 'Albus'
 
Selten sieht man zudem deutlicher als jetzt, welche Staude noch von jenem Platz auf einen anderen ziehen sollte, wo tatsächlich noch eine Lücke im Beet ist oder wo generell umgestaltet werden sollte. Das Gute daran: man kann sofort zur Tat schreiten – die Zeit ist günstig für die meisten Umpflanzaktionen! Und – wir erinnern uns – da war ja noch was mit dem Topflager. Ja, da stehen noch immer einige Pflanzen vom letzten Staudenmarkt und warten auf ihren Einsatz beim Pflanzentetris.

Auch wenn man im Garten in dieser Zeit eigentlich zu einem (vorläufigen) Ende kommen möchte, was die Pflanz- und Umpflanzarbeiten betrifft, sollte man sich doch noch einmal ans Frühjahr zurückerinnern. Die schönen Tulpen in Nachbars Garten, die leuchtenden Narzissen, die man bei Bekannten sah oder die Krokuswiese, die man so gerne nachpflanzen wollte. Dann heißt, es den inneren Schweinehund noch einmal zu überwinden und sich an die Arbeit zu machen, denn wer sich im Frühjahr an den Blüten erfreuen will, muss genau jetzt ranklotzen und die Zwiebeln versenken - und dabei wirklich klotzen, anstatt zu kleckern! Wenn wir im Frühjahr den überwiegend blütenlosen Winter hinter uns gelassen haben, gibt es kaum etwas belohnenderes und motivierenderes, als das Gartenjahr mit üppiger Frühblüherpracht zu eröffnen. In diesem Fall ist "viel" ausnahmsweise mal mehr!

Neue Tulpenfeuerwerke habe ich für das nächste Jahr nicht geplant. Aber in das Wiesenstück, das stets erst im Sommer gemäht wird, sind in den letzten Wochen, neben mehr als 400 Elfenkrokussen, dutzende Prärielilien (Camassia) eingezogen.
Und zum Glück wurde ich erinnert, dass im neuen Birkenhain noch Schneeglöckchen Einzug halten sollten. Wir erinnern uns: nicht kleckern, sondern klotzen. 1.000 Stück sind es für den Anfang, die in der Erde wollen. Auch wenn mir allein beim Anblick der vielen Zwiebeln bereits der Handballen schmerzt, sehe ich es positiv: Es ist keine lästige Pflicht, sondern eine große Kiste Vorfreude auf den Frühling, die ich pflanzen werde. 

Galanthus elwesii

In diesem Sinne, genießt den Herbst, schaut nochmal durch den Garten und greift ruhig hier und da noch einmal zum Schippchen. Und wer weiß schon, ob der Spätsommer nicht doch nochmal an dem einen oder anderen Tag vorbeischaut, um einen Blick auf das geschaffte zu werfen.







Eins noch, da die Abende wieder länger und reicher an Lektüre werden:

Im Sommer bereisten Simone Quast und Gianni Bombèn vom Schweizer Magazin Herbarella Brandenburg und machten auch im Schlosspark Wiesenburg Halt. Unser Parkleiter gab den Impuls, bei dieser Gelegenheit auch meinen Garten zu besuchen.
Wenngleich ich bei der Anfrage nicht im Ansatz mit einer solchen Resonanz rechnete, ist in der aktuellen Ausgabe, Journal 36 "Gartenland Brandenburg" ein Beitrag zu meinem Garten erschienen. Es macht stolz, dass meine Art zu gärtnern begeistern kann und ihr Ergebnis eine solche Würdigung erfährt. Vielen Dank dafür!

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